Mai 23 2016

The Long Dark

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„The Long Dark ist ein nachdenklicher Mix aus Erkunden und Survival, bei dem Einzelspieler eigenständig denken und eine ausgedehnte, gefrorene Wildnis erforschen müssen. Es gibt keine Zombies – nur dich, die Kälte und alles, was Mutter Natur dir in den Weg stellt.“
(Quelle: The Long Dark / SteamStore)

The Long Dark, entwickelt von Hinterland, befindet sich zur Zeit noch im Early Access, ist aber angenehm bugfrei, wunderschön anzusehen und in andauernder Entwicklung. Auch wenn die eigentlich angepeilte Deadline für den offiziellen Launch (Frühling 2016) nicht eingehalten werden konnte, gibt es regelmäßig Updates für den Sandbox-Modus.
Ein Story-Modus soll mit dem Launch kommen, aufgeteilt in mehrere Episoden. Alle Episoden der 1. Season sind im EA-Preis enthalten. Außerdem haben die Entwickler versichert, den Sandbox-Modus (der sich bei der Community größter Beliebtheit erfreut) weiterhin auszubauen.

Anders als bei anderen Survival-Spielen liegt bei The Long Dark der Fokus tatsächlich auf dem Überleben. Der Spieler kämpft nicht gegen sabbernde Zombies, die ihm ans Hirn wollen, nicht gegen mutierte Ureinwohner, die ihm ans Leder wollen, und erst recht nicht gegen blutrünstige Mitspieler, die ihm ans Inventar wollen.
AussichtDer Feind ist die Natur.
Und sie ist unerbittlich. Gespeichert wird nämlich nur zu bestimmten Anlässen (Betreten eines Gebäudes, Veränderung des Zustandes (durch Verletzung, Krankheit, Kälte, usw.)) und immer auf den gleichen Spielstand. Dadurch wiegen die Konsequenzen der eigenen Entscheidungen schwer, denn sie können nicht durch simples Neuladen rückgängig gemacht werden.
Auch der Tod ist endgültig. Stirbt man, ist es vorbei. Perma-Death und gelöschter Spielstand.

Gemütliche -25°C

Dazu kann es kommen, wenn Kälte, Erschöpfung, Hunger oder Durst über einen längeren Zeitraum im roten Bereich sind oder die Kondition durch andere Einflüsse (Krankheit, Sturz) auf 0% fällt.
So ist man ständig auf der Suche nach Nahrung, sammelt Holz für ein Feuer, schleicht an Wölfen vorbei, verschläft einige Stunden in einem warmen Bett, während draußen ein Blizzard tobt, und nutzt sonnige und (relativ) warme Stunden, um die bisher 4 großen Karten zu durchstreifen.

Zwar strebt das Spiel keinen absoluten Realismus an, beachtet aber sehr viele Details, die in jede Entscheidung einfließen sollten.
Sprinten verbraucht zum Beispiel mehr Kalorien als gehen und ermüdet rasch (ebenso wie ein zu voller Rucksack). Dem Verdursten nahe spart man sich vielleicht die Zeit, das geschmolzene Schneewasser noch einmal abzukochen und fängt sich eine Darminfektion ein.
Das Erklimmen eines Steilhangs führt hin und wieder zu einem verknacksten Knöchel. Trifft es das Handgelenk, kann man keine Waffe mehr halten, bis man sich auskuriert oder Schmerzmittel schluckt. Rohes Fleisch oder alte Nahrungsmittel bergen das Risiko einer Lebensmittelvergiftung und die Bisswunden nach einem Wolfsangriff sollten schnellstmöglich desinfiziert und verbunden werden. All das kostet Ressourcen, die in Medizinschränkchen, Kofferräumen, Kommoden oder auch in der freien Natur gefunden werden können.

Erste-Hilfe für Unachtsame

Dabei fühlt man sich nie vom Spiel allein gelassen: Zusätzlich zu den dezent und simpel gehaltenen optischen Rückmeldungen (standardmäßig nichts bis auf die roten Warnsymbole unten rechts in der Ecke, durch Tastendruck erscheint die detaillierte Übersicht) gibt der Charakter regelmäßig Kommentare zu seinem Zustand ab. Sei es ein Magenknurren, eine bibbernde Beschwerde über die Kälte oder das schwere Atmen nach einem langen Sprint.

Die Synchronisation ist sehr gut und bereichert die Atmosphäre des Spiels ungemein. Immerhin wurden zwei echte Profis angeheuert: Die männliche Stimme gehört zu Mark Meer und die weibliche zu Jennifer Hale, den beiden Shepards aus Mass Effect.Schiff
Auch ansonsten ist die Geräuschkulisse umwerfend. Das Knirschen des Schnees unter den eigenen Schritten, das Pfeifen des Windes und das Klappern unterm Dach während eines Blizzards. Krähen schreien, Wölfe heulen und je nach Tageszeit hört man Vögel zwitschern. Wenn der eigene Rucksack schwer beladen ist, klappert und scheppert es, so dass man gleich doppelt so angestrengt nach Wölfen Ausschau hält, die von dem Krach angelockt werden könnten.

Denn die sind durch das – dem Spiel vorangehende – geomagnetische Ereignis zu aggressiven Zeitgenossen geworden und stürzen sich nicht nur auf Hirsche und Hasen, sondern auch auf arglose Spaziergänger.

Come at me, bro!

Einmal in einen Wolfkampf verwickelt, bleibt einem nichts anderes übrig als wie ein Irrer Linksklick zu spammen, um einen Balken zu füllen und dem Wolf zu zeigen, wer hier das Sagen hat.
Sicherer ist die ganze Sache, wenn man dem flauschigen Vierbeiner auf Distanz mit einem Gewehr oder Pfeil und Bogen den Gar aus machen kann. So lassen sich auch die scheuen Hirsche zur Strecke bringen, deren Fleisch für einige satte Tage sorgen kann. Sofern das Wetter einem die Zeit lässt, seine Beute zu zerlegen und neben Fleisch auch Leder und Eingeweide einzupacken. Denn aus letzterem lassen sich Angelschnüre anfertigen, Bogensehnen oder Schlingfallen zur Kaninchenjagd.

Das Handwerkssystem ist allerdings bei weitem nicht so umfangreich wie bei anderen Survival-Spielen und auf einige Gegenstände beschränkt (es wird noch fleißig erweitert). Man kann keine Hütten bauen und erst recht keine Paläste. Auch hier geht es in erster Linie um die Grundbedürfnisse: Tierhäute können getrocknet und zu Kleidung verarbeitet werden, aus Holz, Stoff und Kerosin bastelt man Fackeln und aus Metallstücken Angelhaken. Einiges funktioniert ohne Hilfsmittel, für andere Aufgaben wird Nähzeug benötigt, oder Werkzeuge, die man mancherorts finden kann.

Kamin-Idylle
Home sweet home

Auch hier kostet jeder Vorgang  Zeit und damit wertvolle Kalorien. Näht man die ganze Nacht über an einem neuen Wolfspelzmantel, ist man vielleicht zu müde, um den klaren Morgen dafür zu nutzen, den Holzvorrat aufzufüllen. Nach einem kurzen Nickerchen ist es vorbei mit dem guten Wetter und man muss sich entscheiden: Gehe ich raus in die Kälte, riskiere, dass meine letzte Hose kaputtgeht oder ich mich gar verlaufe, weil die Sicht fast Null ist – oder verzichte ich auf ein Feuer, esse das Wolfsfleisch roh und laufe Gefahr, mir eine Lebensmittelvergiftung einzufangen?

Zum Einstieg – oder auch um die Welt in aller Ruhe zu erkunden und hin und wieder den Ausblick zu genießen, ohne den Kalorien-Counter ständig im Auge zu haben – empfiehlt es sich, die niedrigste der drei Schwierigkeitsstufen zu wählen. Die Bedürfnis-Balken sinken sehr langsam, der Kalorienverbrauch ist gedrosselt, Ressourcen sind reichlich vorhanden und Wölfe ergreifen die Flucht, sobald man sich nähert. Diese Einstellung eignet sich besonders, um sich mit dem Spiel vertraut zu machen. Denn es gibt keine Tutorials, keine Erklärungen, keine Tipps.
(Wer nicht blindlings loslaufen möchte, findet allerdings im Steam-Forum einige sehr gute und hilfreiche Guides.)

Die zweite Stufe verlangt etwas mehr Vorsicht, sowohl was Bedürfnisse anbelangt als auch im Umgang mit Wölfen, denn die verlieren ihre Scheu und müssen mit Leuchtfackeln, Feuer oder Waffengewalt auf Abstand gehalten werden. Außerdem fällt die Ausbeute weniger üppig aus.

Auf der höchsten Schwierigkeitsstufe schließlich ist die Natur unerbittlich. Hunger und Durst steigen schneller und beim Durchsuchen von Schränken und Hütten findet man sehr viel seltener Verwendbares wie Kleidung, Nahrung oder Werkzeuge. Beim Spielstart kann es passieren, dass man mitten in der Nacht bei -40°C in einem Wald startet, hinter der nächsten Hügelkuppe ein Wolf, der sich freudig auf den Mitternachtssnack stürzt.

An das Sterben sollte man sich in The Long Dark gewöhnen, oder zumindest erwarten, dass es jeder Zeit vorbei sein kann. Die Herausforderung liegt darin, diesen Zeitpunkt möglichst lange hinauszuzögern, während man möglichst viel von der (statischen) Welt erkundet und somit für den nächsten Versuch besser gewappnet ist.

Horizont

The Long Dark ist eine andere Art von Survival-Spiel: ruhig, einsam und wunderschön. Auch wenn es hin und wieder etwas eintönig wird, zieht mich spätestens das nächste Update wieder tief in die kanadische Wildnis und ich ringe dem Schicksal einige weitere Tage ab.

Denn wann sonst darf ich bei einem derart ästhetischen Weltuntergang schon in der ersten Reihe sitzen?

(Alle Bilder sind Screenshots aus The Long Dark von Hinterland)




Veröffentlicht23. Mai 2016 von Lanna in Kategorie "Spiel", "Unterhaltung

Über den Autor

verträumt, chaotisch, wortverliebt.

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